Nach
langem Hin und Her ist das Debütalbum von Azealia Banks erschienen
Sowohl
im Internet als auch in der Presse wird Azealia Banks nicht selten als Troll
bezeichnet. Das hat damit zu tun, dass sich die Frau nicht zuletzt mit harschen
Instantpostings auf Twitter exakt kein Blatt vor den Mund nimmt. Dass sie es
sich als neuester heißer Scheiß von 2011 nicht nur mit der Musikindustrie,
sondern auch mit ihren unmittelbaren Arbeitskollegen verscherzte, führte nur folgerichtig
dazu, dass die Öffentlichkeit sie zwar beim Scheitern beobachten durfte, dafür
aber kein Album zu hören bekam. Wenn Gossip vor Musik kommt, handelt es sich
meistens um Pop.
Auf die
Barrikaden
Nicht
vergessen werden sollte dabei, dass der 1991 in Harlem geborenen Sängerin die Kampfeslust
auch als Schutzschild in die Wiege gelegt wurde. Als sie zwei Jahre alt war,
starb ihr Vater an Krebs. Vor ihrer als gewalttätig beschriebenen Mutter trat Banks
die Flucht im Alter von 14 Jahren an. Unter Obhut ihrer älteren Schwester wurde
ein frühes Interesse am Musical bald für erste Karriereschritte genutzt. Es
folgten off-Broadway-Auftritte, der Beginn der heimatlichen Songproduktion mit Veröffentlichung
auf Myspace sowie die Beendigung des Bildungsweges per Schulabbruch. Mit 17
Jahren hatte Azealia Banks immerhin einen Vertrag mit XL Recordings in der
Tasche, der sie nach London führte – wo sie allerdings gegen die
Produktionsarbeit des Labelchefs Richard Russell auf die Barrikaden ging, um
wenig später (und ohne Album) wieder nach New York fliegen zu „dürfen“. Dort nahm
Banks auch Jobs in Stripclubs in Kauf, um über die Runden zu kommen.
Mit
im Netz zur Verfügung gestellten weiteren Songs machte sie neben einer
wachsenden Fangemeinde schließlich aber auch das Majorlabel Universal Music auf
sich aufmerksam. Es kam zum Vertragsabschluss. Und beinahe wäre die
Zusammenarbeit auch gut gegangen. Ein dritter Platz im „BBC Sound Of 2012“-Poll
etwa kurbelte den Karrieremotor weiter an, den Banks erst mit großem Aufwand wieder
abwürgen musste. Auf Twitter geäußerte homophobe Zwischentöne, die die
Musikerin nicht als solche verstanden haben wollte, und öffentliche
Unmutsbekundungen über Projektpartner, die ihr eigentlich den Durchbruch
garantieren sollten – darunter auch Big Player wie Pharrell Williams – führten
zur Trennung, noch bevor das Debütalbum erscheinen konnte. Mit dem
programmatischen Titel „Broke With Expensive Taste“ kam es nun endlich im
Eigenverlag auf den Markt, der nur mehr bedingt darauf wartete. Ein 30. Platz
in den US-Billboard Charts ging sich aus.
Sprechdurchfall
Überraschender
angesichts der 16 innerhalb einer Spielstunde gereichten Tracks ist womöglich,
dass es die (US-)Kritik gar nicht so schlecht damit meint – hört man dem
Gesamtergebnis seine Entstehungsgeschichte trotz einiger Talentproben doch
deutlich an. Mit teils eindringlicher, auch auf hektische Rap-Stakkatos
gebuchter Vokalakrobatik (wie etwa im angriffigen und – wie zahlreiche andere
Songs bereits vorab bekannten – „212“) und auch in der Beatgestaltung weitgehend
gewinnend, werden zumindest teils auf „arty“ gestimmte Ansätze letztlich hin
zum böllernden Einheitssound aus der Blitzhütte gebogen. Davor schlau
behandelte Nachwehen elektronischer Clubmusiken verdunsten zu heißer Luft. Ein
schlechter Witz, als es mit der Ariel-Pink-Kollaboration „Nude Beach A Go-Go“
zu einem Surf-Rock-Zwischenspiel kommt, oder anderswo ein Salsa-Intermezzo eher
ratlos wirkt. Den Morbus „Fuck! Bitch! Nigger!“ erklärt Banks wiederum mit einem
störrischen Kunst-Alter-Ego namens „Yung Rapunxel“, das nicht beißt, sondern eh
nur bellt. Vielleicht war auch dieses für den Sprechdurchfall von Twitter
verantwortlich.
Letztlich
bleibt die Erkenntnis: Früher war das zweite Album die Nagelprobe, heute kann
diese Rolle schon das Debüt übernehmen. Eine Beschleunigung, die manchmal zu
Verspätungen führt.
Azealia Banks: Broke With Expensive Taste (Azealia Banks / Prospect Park)
Azealia Banks: Broke With Expensive Taste (Azealia Banks / Prospect Park)
(Wiener Zeitung, 26.11.2014)
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