Die US- Musikerin
Holly Herndon stellt ihr neues Album „Platform“ am Donaufestival vor
Die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine ist seit
einer Ewigkeit zwar auch nicht mehr neu. Vielleicht muss gerade aber die
elektronische Musik – aufgrund einer stets aufrechterhaltenen, dabei aber schon
in den 80er Jahren steinzeitlich anmutenden Infragestellung der Möglichkeit
beseelter Klänge aus „gefühllosen“ Computern – umso vehementer auf das Selbstverständliche
hinweisen dürfen. Die in den besagten 80er Jahren erst geborene US-Musikerin
Holly Herndon ringt dem Forschungsfeld „Computerliebe“ nun nicht nur hübsche
neue Aspekte ab. Sie riskiert es dabei auch, den Leuten aus der Steinzeit das
Geimpfte noch einmal so richtig schön aufgehen zu lassen. Gegenüber dem „Guardian“
attestierte Herndon ihrem ureigenen Instrument, dem Laptop, erst unlängst etwa mehr
emotionales Fassungsvermögen als jeder dahergelaufenen Geige.
Herndon beruft sich damit auf den Umstand, dass das Hauptwerkzeug
ihrer Kunst nicht nur gleichzeitig auch ein Gerät für die Organisationsarbeit
und per Online-Banking Finanzinstitut, sondern via Mail-Account, Social-Media-
oder Dating-Plattform vor allem auch Fenster zu den eigenen Beziehungen ist.
Vor diesem Hintergrund entsteht eine human-technologische Hybridmusik im
Zeichen der Schnittstelle. Diesbezügliche Aufklärungsarbeit leistete auf ihrem
Album „Movement“ von 2012 zuvorderst das Stück „Breathe“, das – abseits
gängiger Song- oder Trackgrundlagen wie Melodien oder Beats – aus durch den
Rechner gejagten Atemgeräuschen bestand. Dazwischen hörte man von hoher Artyness
geprägten, mit akustischem Sperrfeuer beschossenen Minimal-Techno, den die Musikerin
einst während einer privaten Berlinphase absorbierte.
Nach einer Masterarbeit zum Thema „embodied electronic music
performance“ am Mills College gerade als Doktoratsstudierende in
„Computermusik“ an der Stanford Universität in Kalifornien beschäftigt, gerät
der Mitte Mai erscheinende Nachfolger „Platform“ (4AD/Beggars Group) zum
logischen Sequel mit dem nötigen Vorwärtsblick. Holly Herndon wird dem Kremser
Donaufestival mit Auszügen daraus am Samstag zu einem würdigen Abschluss
verhelfen. Wir hören zwar auch weiterhin entrückt durch den Hallraum flackernde
und flatternde Geräuscharrangements, die nichts zum Festhalten bieten. Die
Frage lautet dann: Gehört das so, oder macht bloß der CD-Player wieder
Probleme? Mitunter aber dauert es nur etwas länger, bis sich die Stotterrhythmen
dieser wie im Schredder erzeugten Musik auch für zugänglichere Harmonien öffnen.
Beim zusätzlich um das gewisse kalifornische Sonnenanbetungs-New-Age-Gefühl angereicherten
„Morning Sun“ sorgt eine – Oh Schreck! – plötzlich auftauchende, tatsächliche
Gesangsmelodie gar für einen Hauch von Madonna. Man muss sich nur das auch an
dieser Stelle um ein wenig Avantgarde bemühte Geratter und Geschepper
wegdenken. Das inhärente restgotische Düsterfeeling wird diesmal mit dem
enigmatischen Orgien-Mysterien-Gesang von „Unequal“ noch etwas weiter nach
vorne ins Klangbild gerückt. Und das Sprechstück „Lonely At The Top“ irritiert
im thematischen Umfeld unserer Hektomatikwelt auf buchstäblich angenehme Art
und Weise.
Einen halben Break-up-Song an den eigenen Laptop hat Holly Herndon
mit „Home“ diesmal übrigens auch dabei. Computerliebe in Zeiten der NSA?
Gefahr, Gefahr, Gefahr!
(Wiener Zeitung, 30.4.2015)

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