Montag, Juni 23, 2008

Dunkelheit in naher Ferne

Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy triumphierte im Wiener WUK.

Die Hitze ist schuld daran, dass man sich am Sonntagabend dann doch kurz hinaus ins Freie wünscht. Während im Hof des Wiener WUK, im sogenannten EM-Quartier, nämlich bei reichlich Frischluft dem Fußball gefrönt wird, darf man sich selbst in der zur Massensauna umfunktionierten Halle nebenan bei – mindestens – tropischen Temperaturen bis an die Grenze zum Kreislaufkollaps schwitzen. Aber: Ehrensache! Immerhin steht heute ja nicht ein Irgendjemand auf der Bühne.

Lebensberaterqualitäten

Wir haben es mit dem 37-jährigen, zentralen US-Songwriter Will Oldham zu tun, der uns seit 1998 als Bonnie "Prince" Billy auf Basis hochgradig gefühliger Lieder mit Country- und Folk-Einflüssen sein Herz ausschüttet. Als mit Lebensberatungspotenzial ausgestatteter Großmeister zärtlicher Liebesballaden, wehmütiger Abschiedsballaden und todtrauriger Depressionsballaden hilft dieser nun auch live dem bevorzugt ins Bier raunzenden, gebrochenen Altmann in uns aus der Patsche. Am Programm steht heute nämlich jener Werkteil, aus dem die Hoffnung atmet. Hoffnung wie: "And I looked at the sky / And knew someday I’d die / And then everything would be all right!"

Überhaupt erweist sich der nicht nur seines wildwuchernden Vollbarts wegen gemeinhin als schrullig verschrieene Songwriter dank eingeschobener Zwischenreden als äußerst sympathischer, ja, zugänglicher Schmähbruder, der uns also nicht nur mit zu Herzen gehenden Liedern, sondern auch mit launigen Anekdoten ein Tränchen ins Auge treibt. Und er liefert mit seiner vierköpfigen Begleitband ein gut zweistündiges Set, das sich trotz weitestgehender Fokussierung auf den unteren bis mittleren Tempobereich durchaus erfrischend anlässt.

Neben Material aus seinem aktuellen Album "Lie Down In The Light" bedankt Oldham vor allem das–für seine Verhältnisse– unüblich opulent arrangierte Album "The Letting Go" aus 2006 mit Übersongs wie "Cursed Sleep" oder "Strange Form Of Life", sowie "No Bad News", "Lay And Love" oder einer reduzierten Version von "Then The Letting Go". Gegen Ende interpretiert er das heftig bejubelte "I See A Darkness" bewusst in weiter Ferne zur Coverversion des großen Johnny Cash, die den Song im Jahr 2000 endgültig zum Klassiker adelte.

Oldham greift zu elektrischer Gitarre und Mundharmonika, er singt, er pfeift, er gestikuliert, hat sichtlich Freude mit diesem Konzert. Wie auch das Publikum, das nach zwei Zugabenblöcken noch immer nicht genug hat und Oldham, der dem Abend mit der Erlösungshymne "I’ll Be Glad" ein versöhnliches Ende zuführen wollte, noch einmal auf die Bühne lockt. "Death to everyone is gonna come". Auch das: ein würdiger Abschluss für einen tollen Abend.

(Wiener Zeitung, 24.6.2008)

DIe Rebellen ohne Umsturz

Wien. Nicht nur Helmut Qualtinger bezog sich auf László Benedeks Film "The Wild One", in dem Marlon Brando als charismatischer Jungrebell mit seiner Motorrad-Gang eine amerikanische Kleinstadt aufmischte, als er 1956 seinen Halbwilden durch Wien brettern ließ.

Auch der 1998 in San Francisco gegründete Black Rebel Motorcycle Club huldigte dem Streifen, indem er seinen Namen dem zweirädrigen Rebellentrupp entlieh. Zwar trug die Band auf ihren vier bisher erschienenen Alben zu Gunsten eines generellen, nicht selten mit zwischenmenschlichen Unannehmlichkeiten einhergehenden Unbehagens nur homöopathische Dosen an umstürzlerischen Inhalten auf – hier bekam die US-amerikanische Regierung ihr Fett ab, da ging man mit der Gleichgültigkeit der eigenen Generation ins Gericht.

Dafür aber sichtete sie jene Musik neu, die zumindest bis zum Aufkeimen der Punkbewegung als Träger des Aufbegehrens galt: Klassischer, ungestüm polternder Rock’n’Roll mit Blues-Einschlag, der hier – und ähnlich wie etwa bei The Jesus & Mary Chain – mittels überbordendem Einsatz von Effektgeräten ordentlich verzerrt wurde, milde Psychedelik zuließ und um das Schaffen der Rolling Stones ebenso Bescheid wusste wie um jenes der Art-Rock-Pioniere The Velvet Underground. Schnell erwies sich das Trio in den vom Rock-Revival geprägten, frühen Nuller-Jahren als deutlich besserer Mutant der sogenannten "The-Bands".

Nach einem stilistischen Bruch mit "Howl" aus 2005, auf dem überwiegend akustisch Blues, Folk und Gospel geboten wurde, wildert das im Vorjahr erschienene "Baby 81" nun wieder in den anfangs eingezäunten Gehegen. Ein feiner Abend steht ins Haus!

(Wiener Zeitung, 18.6.2008)

Mittwoch, Juni 11, 2008

Einfach Dylan. Einfach Bob.

Bob Dylan begeisterte in der Wiener Stadthalle den alten Mann in uns allen.

Dem Dylanologen ist es zu Eigen, jeden Song von "His Bobness" schon nach dem ersten Ton – und sei dieser auch nur ein müdes Krächzen – mit freudigem Johlen oder begeistertem Applaus zu versehen. Er, in der Regel männlich, Biertrinker, bereits im Verdauungsstadium seiner Midlife-Crisis angelangt, will damit zur Schau stellen, dass er jeden der knapp 500 Songs aus der Feder von Bob Dylan auch dann noch erkennt, wenn Nämlicher sein Werk live wieder einmal bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Dieses Johlen und Klatschen mag zwar auch dem 67-jährigen Säulenheiligen des Rock’n’Roll gelten, zumindest irgendwie. In erster Linie huldigt der Dylanologe aber vor allem einem: dem Dylanologen selbst! Er ist ein super Bursch.

Dass ähnliche Jubeltöne ausbleiben, als Bob Dylan sein erstes Österreichkonzert seit 2003 am Dienstag in Wien mit "Cat’s in The Well" eröffnet, bestätigt als Ausnahme nur die Regel. Haben diesen, auf Dylans kreativ problematische Frühneunziger-Phase zurückdatierenden Hadern doch auch eingefleischte Fans bereits verdrängt.

Immerhin: Dylan, am Keyboard und seitlich zu uns gewandt, legt hier mithilfe seiner fünfköpfigen Tourband kurz dar, was heute am Programm steht: Gesetzter oder wahlweise etwas feister gegebener Altherrenrock, der sich "Modern Times", dem aktuellen Album, entsprechend aus dem Fundus der amerikanischen Musikgeschichte zwischen Blues, Folk, Country, Rock’n’Roll und Bob Dylan speist.

Dazu lädt die Bestuhlung der Stadthalle zu geriatrischer Kontemplation; erst als nach gut zwei Drittel des Abends "Highway 61 Revisited" erklingt, wird das Publikum auf seine alten Tage noch einmal renitent, erhebt sich – und schwingt das Tanzbein.

Sorgsam kümmert sich Dylan um die Darbietung des aktuellen Materials. Wir hören konzentrierte Versionen von "The Levee’s Gonna Break", "Nettie Moore" oder des knapp neunminütigen "Ain’t Talkin’". Ebenso wie "Working Man’s Blues", dem neuesten Stück im Kanon Dylans sozialkritischer Lieder, wird live auch der bitterbösen Anti-Kriegshymne "Masters Of War" oder "It’s Alright Ma’ (I’m Only Bleeding)" ein neues Kostüm verpasst. Nach einem kurzen "Dankeschon" gibt es noch "Thunder On The Mountain" und "All Along The Watchtower" als Zugaben. Um halb zehn geht’s ab ins Bett. Auch alte Götter werden nicht jünger.

(Wiener Zeitung, 12.6.2008)

Dienstag, Juni 10, 2008

Remmidemmi in der Pampa

Wien. Wenn Jahr für Jahr zu Beginn der heißen Jahreszeit die Jugend aufs Land strömt, hat das mit Sommerfrische nichts zu tun. Es gilt, die bereits mit Bühnen und Pommesbuden, Dixi-Klos und Schankanlagen bestückten Äcker und Felder in der idyllischen Einöde zu besiedeln, um dort bei hintangestellter Körperhygiene zu Hopfen und Malz – Gott erhalt’s! – wieder einmal der guten alten Unvernunft zu frönen.

Vor allem hier freilich im Rudel auftretende Jungmänner greifen auf dieses Vergnügungsangebot zurück, um sich bewährter Vergleichstraditionen entsprechend darin zu messen, wessen Körper etwa das meiste Bier zu fassen imstande ist. Und dergleichen mehr! Am Ende dieses Prozesses stehen am letzten Veranstaltungstag naturgemäß Fragen. Fragen wie: Wer bin ich? Wie komme ich hierher? Verfault irgendwo Kleingetier oder sollte ich doch wieder einmal duschen? Und was wird Mama dazu sagen??

Sie sehen es schon: Trotz möglicher Nachwehen sollte man sich diesen Spaß nicht entgehen lassen. Gelegenheit zu alledem bietet auch heuer wieder das Nova Rock auf den Pannonia Fields II im burgenländischen Nickelsdorf, das am Freitag seine vierte Saison einläutet und an insgesamt drei Tagen bis zu 160.000 Besucher anlocken soll – es ist somit das größte heimische Rockfestival.

Den verheerenden Staus der ersten beiden Austragungsjahre konnte 2007 mit einem neuen Verkehrskonzept entgegengearbeitet werden, an dem auch heuer festgehalten werden soll. Das Festivalgelände wurde bei gleichbleibendem Kartenkontingent um sechs Hektar vergrößert, was vor allem den Park- und Campingflächen zugute kommt.

Neben Altbewährtem wie der Möglichkeit, Bungee zu jumpen, findet das Festival seine größte Neuerung in der "Fußballarena", in der sämtliche Spiele der Euro auf einer Großleinwand übertragen werden – wohl auch, um ein allzu großes Besucherminus gegenüber dem Vorjahr zu vermeiden. So heißt es am Freitag etwa Kid Rock und Incubus gegen Niederlande-Frankreich. Harte Bandagen!

Auf zwei Bühnen setzt es musikalisch im Wesentlichen "more of the same", seinen Schwerpunkt legt das Festival seit jeher auf tendenziell härtere Gitarrenmusik. Als Headliner fungieren heuer neben Die Ärzte und den Nova-Rock-Stammgästen Motörhead um Saubartel Lemmy Kilmister die einflussreiche 70er-Jahre-Metalband Judas Priest und die im Vorjahr wiedervereinten Britpop-Heroen The Verve ("Bitter sweet Symphony"). Johnny Rotten wird das, nun ja, Erbe seiner Sex Pistols noch einmal ordentlich anpatzen, Rage Against The Machine eine Neusichtung ihrer in den 90ern erfolgreichen Mischung aus HipHop, Metal, Funk und gesellschaftspolitischen Slogans wagen. Karten: http://www.novarock.at

(WIener Zeitung, 11.6.2008)

Freitag, Juni 06, 2008

Tinariwen: So tönt die Wüste

Es ist kein leichtes Los, das den Musikern von Tinariwen in unseren Breitengraden beschieden ist: Werden sie hier doch zum einen über den schwierigen Begriff der Weltmusik rezipiert, und zum anderen gar als "Rolling Stones der Sahara" bezeichnet.

Letzteres ist ausgesprochener Humbug, der aber zumindest mehr Aufmerksamkeit auf dieses unbedingt gehört gehörende Kollektiv aus dem nomadischen Volk der Tuareg lenken sollte. Insofern also doch: Würdig und recht. Immerhin gelten Tinariwen, vor denen sich bereits Größen wie U2, Carlos Santana, Robert Plant (Led Zeppelin) oder Coldplay verneigten, hierzulande noch immer als Geheimtipp.

Die Band, die am Donnerstag eine bestens gefüllte Szene Wien unterhält, erzählt in ihren Liedern auf Tamashek oder, seltener, Französisch über das beschwerliche Leben in unwirtlichen und schwer zu bewirtschaftenden Wüstenlandschaften: „Aman Iman“ – Wasser ist Leben – heißt das dritte auch im „Westen“ vertriebene Album, dem die schon seit 1982 aktive Band in ihrer Heimat zahlreiche, ausschließlich auf Kassetten verbreitete Arbeiten vorangehen ließ. Ihre Songs tragen Titel wie „Amassakoul n Ténéré“ (Reisender in der Wüste), auch der schwierige Status der Tuareg als nach Unabhängigkeit strebendes, davon aber immer wieder abgehaltenes Volk steht im Zentrum.

Diese also doch recht schwierigen Inhalte zeitigen musikalisch aber, wenn schon nicht hundsfröhliche, dann zumindest stets beschwingt-tanzbare Ergebnisse. Zu acht präsentiert man Musik, die malische Klänge, bisweilen auch vom arabischen Raum her inspiriert, mit Blues und Rock zusammenbringt und sich mithilfe einer Darbuka-Trommel und reichlichen Händeklatschens in repetitivem, quasi-mantrischem Liedgut entlädt, dessen Sogwirkung man sich weder entziehen kann – noch will!

Bis zu drei Gitarren sind gleichzeitig im Einsatz und sorgen für Funk; Ibrahim Ag Alhabib reißt die Saiten seiner Les Paul kurz an, oder er legt frei Gedeutetes über heftig pulsierende bis zart geschlenzte Grundrhythmen. Dazu setzt es Ausdruckstänze und bisweilen auch kreischenden Backgroundgesang: Toll!

(Wiener Zeitung, 7./8./6.2008)

Donnerstag, Juni 05, 2008

Die Grenzen sind fließend

Das Londoner Kollektiv Hot Chip triumphierte bei seinem schweißtreibenden Österreich-Debüt im Wiener WUK

Wien. Die elektronische Musik kommt vor allem dann ganz schnell in die Bredouille, wenn es darum geht, sie auch live adäquat umzusetzen. Nicht selten erweist sich, was im Studio den mit Drehknöpfen bestückten Zauberkisten wohlklingend entlockt wurde, als auf der Bühne nicht reproduzierbar. Daraus resultieren über weite Strecken vorprogrammierte Konzerte, zu denen nur homöopathische Dosen an unmittelbar Dargebotenem – ein Fiepsen hier, ein Knarzen dort – kredenzt werden.

In Zeiten, die – frei nach einem alten Dancefloor-Schlager – den DJ in den Rang eines Gottes erheben, mag das freilich schon lange nicht mehr verwundern. Dass es aber auch anders geht, beweist das spätestens seit seinem Zweitling „The Warning“ aus 2006 hoch im Kurs stehende Londoner Quintett Hot Chip um dessen wunderwuzzistische Masterminds Alexis Taylor und Joe Goddard. Am Mittwochabend darf man nun auch in Wien einem, letztendlich zu einer Weihestunde des zeitgenössischen Pop angewachsenen Konzert beiwohnen: Euphorisiert vom beseelten Klang der Maschinen, schweißgebadet vom freudigen Veitstanz.

Nicht genug damit, dass die Band, die sich heute vor allem durch ihr aktuelles Album „Made In The Dark“ spielen wird, einem ganzen Gerätepark schwer schnaubender Analog-Synthesizer von seinerzeit tatsächlich live alles abverlangt, was dieser zwischen hochästhetischer Unterhaltungselektronik und oft an, aber eben nie auf die Nerven gehenden Frickeleien hergibt. In bester Tradition eines Bob Dylan werden die eigenen Lieder dabei zunächst auch einmal ordentlich auseinander genommen, um – in ungewohnte Bahnen gelenkt – in neuem Glanz zu erstrahlen. Gleich mehrmals müssen wir heute zumindest für je ein paar Sekunden angestrengt nachdenken, in welchem Song wir uns denn nun gerade befinden.

Unterwanderte Konventionen

Dabei wird jedwede Konvention des klassischen Popkonzertes elegant unterwandert. Gleich einem DJ-Set gilt es schon eingangs, „Shake A Fist“ und „And I Was A Boy From School“ ineinander zu weben: Von den copacabanischen Bongorhythmen bis hin zum selbst seiner Melancholie zum Trotz immer noch tanzbaren Pop ist es also immer nur einen eingeschobenen, vorwärts peitschenden Techno-Beat weit: Die Grenzen sind fließend, wie auch später beim Übergang von „Touch Too Much“ zu „Over And Over“, dem ersten großen Hit des Abends.

Ganz generell scheint das Œuvre dieser Truppe um Auflösung einengender Grenzen bemüht: Durchaus mit herkömmlichen Songstrukturen brechender und trotzdem handfester Pop bedient sich dabei mannigfaltiger Einflüsse aus dem Fundus zeitgenössischer und retroschicker Elektronik zwischen Techno – minimal oder wirklich! – House oder Synthie-Pop. Dazu setzt es nicht zuletzt Al Doyles Gitarre wegen reichlich Funk, auch Soul wird eingestreut; die Beats wissen um zeitgenössische HipHop- und RnB-Produktionen.

Dass Goddard und Taylor als Kenner der Popgeschichte ebendiese als frei zitierbares Referenzsystem verstehen - es stört nicht. Immerhin schlagen sie daraus Neues, Ungehörtes, Unerhörtes. Und sie vermengen live Fremdes mit Eigenem, indem sie Textzeilen aus New Orders „Temptation“ in ihr mit wunderbaren, möglicherweise von Gary Newman inspirierten Synthie-Streichern veredeltes „No Fit State“ montieren oder das abschließende „In The Privacy Of Our Love“ mit „Nothing Compares To U“ von Prince & The Revolution querlegen.

Das heute als Elektro-Monstrum dargebotene „Bendable Poseable“, „Don’t Dance“„ Out At The Pictures“ und Singles wie „Ready For The Floor“ oder „One Pure Thought“: Das alles ist nicht nur sexy und intelligent zugleich, sondern auch stilistisch allein auf weiter Flur. Ein außergewöhnlicher wie außergewöhnlich euphorisierender Abend. Ich rocke!

(Wiener Zeitung/Online, 6.6.2008)