Donnerstag, Juli 24, 2008

Der letzte Schnaps ist der eine zuviel

An der Frage, ob Freund Rock’n’Roll besser schlanken Fuß beweisen sollte oder auch schon einmal als fette Geschwulst daherkommen darf, scheiden sich die Geister. Während die aufkeimende Punk-Bewegung in den mittleren Siebzigerjahren die über die Zeit zu einem aufgeblasenen Popanz mutierte Gitarrenmusik zur Drei-Akkord-Diät zwang, geht heute bekanntlich wieder alles. Alles wie: Alles und noch viel mehr!

An der Speerspitze einer der guten alten Opulenz frönenden Bewegung – die sich auf unterschiedlichen Baustellen zwischen dem Bombast-Rock von And You Will Know Us By The Trail Of Dead bis hin zum epischen Breitwand-Metal von Tool festmachen lässt – steht seit 2001 das aus der texanischen Post-Hardcore-Band At The Drive-In hervorgegangene Kollektiv The Mars Volta.

Hier ist Geiz nicht geil. Es wird bewusst schlecht gewirtschaftet, verschwendet, verschüttet, geklotzt und nicht gekleckert. Am Mittwoch werden wir in der großen Halle der Wiener Arena also auch live Zeuge einer Mucke ohne Maß und Ziel. Die auf Platte ausschweifend zwischen einer Art Prog-Rock mit funkinfizierten Metalriffs auch in Richtung Jazz und Salsa schielenden Songs erhalten dabei in gut zwanzigminütigen Orgien noch mehr Auslauf und Freiraum; es gilt, selbst Superlative zu überhöhen.

Keine Frage, dass wir es zwischen dauersolierendem Saxofon und Omar Rodríguez-López als nicht nur optisch an Jimi Hendrix erinnerndem Guitarrero, vertrackten Rhythmen, beständigen Taktwechseln, Stop and Go, Laut und Luise, freier Improvisation und Cedrix Bixler-Zavala als singender Katze mit Free-Jazz 2.0. als Leistungsschau gut im Saft stehender, kreativ-rabiater Virtuosen zu tun haben.

Kurz: Das Konzert klingt, wie Bixler-Zavalas Performance bisweilen aussieht. Wie ein immer nie enden wollender epileptischer Anfall der Marke ganz schlimm. Allerdings ist des einen "ambitioniert" des anderen "überkandidelt". Und diese Band wie der letzte Schnaps, der sich am Morgen danach als – mindestens – der eine zu viel erweist.

(Wiener Zeitung, 25.7.2008)

Nuke: Zwischen Himmel und Halle

Das Nuke-Festival lockt für zwei Tage auf das VAZ-Gelände in St. Pölten – 30.000 Besucher werden erwartet

Wien/St. Pölten. Das Nuke-Festival darf als Konstante im heimischen Festivalzirkus bezeichnet werden, am Freitag wird die bereits achte Saison eingeläutet. Nach unterschiedlichen Austragungsorten in den Anfangsjahren – vom Atomkraftwerk Zwentendorf über Hofstetten-Grünau im Pielachtal – fand das Festival 2006 in St. Pölten seine Heimat.

Dem Gelände des hiesigen "VAZ" mag es an Charme fehlen, dafür aber verfügt es über andere Vorteile. Zum einen steht es nicht inmitten der Pampa, sondern am Rande einer zumindest irgendwie als städtisch zu bezeichnenden Umgebung, die Erreichbarkeit ist exzellent. Zum anderen wird hier nicht nur an der frischen Luft konzertiert, die als "Moon-Stage" bezeichnete Halle bietet wahlweise Schutz vor Sonnenstich oder Regenmassen.

Das Programm wirkt heuer vor allem in Hinsicht auf das Frequency-Festival eher entschlackt. Immerhin wird im August am Salzburgring sowohl in Hinsicht auf Qualität wie Quantität reichlich geboten – dazu demnächst mehr.

Am Nuke selbst werden laut Veranstalter an zwei Tagen etwa 30.000 Besucher erwartet, als massentaugliches Zugpferd konnte Lenny Kravitz – genau, der! – gewonnen werden. Der 44-jährige US-Amerikaner wird sein aktuelles Album "It’s Time For A Love Revolution" erstmals live in Österreich vorstellen. Das Mädchen in uns hüpft schon vor Vorfreude!

Ein tatsächlicher Höhepunkt könnte der Auftritt des britischen Zweispänners The Chemical Brothers um Tom Rowlands und Ed Simons werden, auch wenn man dabei nicht unbedingt von einem Konzert ausgehen sollte. Hier wird von der Kanzel herab zu vorgefertigten Tracks an den Knöpfen gedreht, mit dazu kredenzten Visuals ein hochästhetisches Manifest der elektronischen Tanzmusik gereicht.

Benutzerfreundlicher TripHop wird von Morcheeba beigesteuert, im gleichen Genre entführen Nightmares On Wax "In A Space Outta Sound". Elektronisches Songwriting mit reichlich Funk und Soul präsentieren die Stereo MCs, und dass beseelte Elektronik auch in Österreich produziert wird, darf Rodney Hunter samt Band unter Beweis stellen. Weiters dabei: Orishas, Fettes Brot, Söhne Mannheims, Clueso, Gentleman und andere.

(Wiener Zeitung, 17.7.2008)

Montag, Juli 14, 2008

Duran Duran: Die Frisur hält

Hans Hölzl alias Falco konstatierte einst Folgendes: "Wer sich an die 80er Jahre erinnern kann, der hat sie nicht miterlebt."

Das mag nun sein, schließt aber aus, dass diese Dekade auch schlichtweg verdrängt wurde. Immerhin haben wir es hier nicht nur mit einer von Ronald Reagan und der Tschernobyl-Katastrophe geprägten Zeit zu tun. Auch die Popkultur hatte damals ihre liebe Not. Schlechter Geschmack und gute Laune, wer erinnert sich noch? Bananarama, Nena. Schulterpolster und Fönfrisuren. Michael J. Fox in "Das Geheimnis meines Erfolges". Alten Menschen stellt es bei diesbezüglichen Alpträumen noch heute die Grausbirn’ auf.

Schlechter Geschmack: Diesen transportierten auch Duran Duran mit ihren außer dem eigenen Hedonismus vor allem dem eigenen Hedonismus geschuldeten Musikvideos, "powered by MTV".
In Anzug, Krawatte und Segelschuhen wurde hier auf Pferden über Sandstrände geritten, auf Yachten Prosecco geschlürft. Und abseits der Bilder Marschierpulver gezogen.

In den Soundbänken der 80er

Schnee von gestern? Schließlich tönen schon vor Konzertbeginn heute angesagte Helden wie Justice und Hot Chip vom Band: Der Puls der Zeit, da kann man nichts machen. Duran Duran eröffnen das Konzert mit näher an The Knife als an Kajagoogoo angesiedelten Klangflächen, es folgen "The Valley" und "Red Carpet Massacre" – peitschend, tanzbar, dem Hier und Heute wie auch einer gewissen Nachdenklichkeit verpflichtet, kein schlechter Einstieg. Wenn man der Band auch vorwerfen muss, sich auf ihrem aktuellen Album durch Miteinbeziehung des Dreamteams Timberlake/Timbaland dem sogenannten Trend gar zu arg angebiedert zu haben, so wird man live zunächst recht ordentlich unterhalten. Auch – oder gerade – weil Simon Le Bon aussieht, als hätte er noch am gleichen Abend ein Bewerbungsgespräch für den Posten des BZÖ-Wahlkampfleiters. Die Frisur hält!

Erste Hits werden eingestreut: "Hungry Like The Wolf", "Planet Earth" und "The Reflex" verbreiten unterkühlten New-Wave-Charme, für die nötige Wärme sorgt nicht zu knapp kommender Funk. Tief in den Soundbänken der 80er wird erstmals bei "A View To A Kill" gegraben, James Bond lässt grüßen. Schnell wird "Save A Prayer" – nach wie vor ganz großer Pop – verpulvert, es geht ab ins Elektro-Set.

Hier wird nun endgültig die Bude gerockt. Die wasserstoffblondierten Herren machen einen auf Kraftwerk – wir sind die Roboter! – und schauen mit einer Coverversion von "Warm Leatherette" auch bei Daniel Miller alias The Normal vorbei. Danach geht’s bergab. Massenanimation, Massenkaraoke. Die Hits der 80er und 90er Jahre. Partykracher in Bierzeltstimmung. Andererseits: Wo würde das auch hinführen, wenn man selbst Duran Duran jetzt wieder gut fände?

(Wiener Zeitung, 15.7.2008)

Jedem König seinen Thron

Ob man sich um Solomon Burke Sorgen machen muss? Vermutlich: Ja. Zwar ist es nichts Neues, dass der schwer übergewichtige Sänger kein Konzert mehr stehend absolvieren kann.

Als er am Freitag aber im Rollstuhl auf die Bühne im Arkadenhof des Wiener Rathaus gefahren wurde, vermischte sich im Publikum Vorfreude mit Bestürzung. Zumindest bis das Licht anging und Burke von seinem majestätischen Thron herab mit "Like A Fire" gleich eines klar stellte: Dass es noch immer in ihm lodert. Und dass Musik als heilende Kraft auch den Gebrochensten unter uns wieder unkaputtbar machen kann – zumindest ein Stück weit. Wie der 68-Jährige mit seiner Band das Auditorium gleich hier in den Bann zog, sprach Bände. Es sollte nichts weniger folgen als eine zweistündige Soulmesse, während der Burke Auszüge aus seinem geschätzten Spätwerk bot und reichlich Hits abfeuerte.

Wir hörten also berührenden Soul für die einsamsten Barhocker der Welt, zum Kuscheln ladende Lieder für Liebende wie "Beautiful Brown Eyes" oder "I Can’t Stop Loving You" sowie Ton gewordene Überzeugungsarbeit dafür, dass Country und Soul doch bitte häufiger miteinander sollten – "That's How I Got To Memphis" und das bewegende "‘Til I Get It Right" aus Burkes "Nashville"-Album traten dafür ein.

Alten Soulhelden huldigte Burke mit einem Medley aus "(Sittin’ On) The Dock Of The Bay", "Mustang Sally" und "Stand By Me", eine Ehrerweisung an den Rock ’n’ Roll setzte es mit Little Richards "Tutti Frutti". Auch Burkes bekannteste Eigenkomposition, "Everybody Needs Somebody To Love" durfte nicht fehlen.

Burke übrigens über die Tatsache, Vater von 21 Kindern zu sein: "That’s what got me into this chair!" Eine Warnung an alle, die seine Musik im Schlafzimmer konsumieren?

(Wiener Zeitung, 15.7.2008)

Mittwoch, Juli 09, 2008

Zu gut für diese schnöde Welt

Die isländische Ausnahmeband Sigur Rós triumphierte live in der Arena Wien

Wer nach spätestens zwei Minuten mit Sigur Rós am Dienstagabend am Open-Air-Gelände der Wiener Arena keine feuchten Augen hatte, der muss sich rückwirkend schon eines fragen: Ob er aus Stein ist. Herzlos. Oder bereits tot.

Das Gefühl der unmittelbaren Rührung entfaltete sich gleich eingangs mit "Svefn-g-englar" auf zwei Ebenen. Zum einen mag dieser Ton gewordene Gänsehautgenerator bei etlichen Anwesenden der erste Berührungspunkt mit dem enigmatischen Quartett aus Island gewesen sein, als es 1999 auch außerhalb seiner Landesgrenzen vorstellig wurde. Und nichts bindet das Publikum bekanntlich mehr an die Musik als die Erinnerung an ferne, mit ihr verknüpfte Erfahrungsräume und Lebensabschnitte. Leider ist heute zwar morgen schon gestern und ein Pflänzchen flugs auch wieder verwelkt. Wie Ludwig van Beethoven einst aber schon einwarf: "Wahre Kunst bleibt unvergänglich!"

Der mit einer Spielzeit von knapp zehn Minuten tatsächlich monolithische Song brachte auch deshalb live den berühmten Knödel zurück in den Hals. Stellvertretend für das Œuvre der 1994 gegründeten Ausnahmeband, wird hier zwischen den Polen Zerdehnung und Repetition zu mit Hall veredeltem Beserlschlagzeug, zurückhaltender Orgel und dem Falsettgesang Jón Þór Birgissons mit einer vom Cellobogen bearbeiteten, waidwund aufjohlenden E-Gitarre langsam in Richtung eines lauthals in die Welt gesetzten Auf- und Ausbruchs gearbeitet: In barocker Opulenz.

Deutlicher noch als hier wurde der gern im Dauercrescendo verhandelte Zusammenhang zwischen Verzagtheit und letztendlichem Donnergrollen bei Liedern wie "Glósóli" oder der als Zugabe gegebenen, titellosen Nummer 8 aus "( )" von 2002, bei denen am Ende zu Herzen gehende Melodiebögen aus dem Höllenschlund mit Walls Of Sound auffahrender Lärmgebilde atmeten. Anderswo blieb es mit Xylophon, Glockenspiel oder sanft gesetzten Klavierakkorden zärtlich: "All alright" und "Fljótavík" kamen aus dieser Ecke.

Welcher Inhalte sich die vor allem auf Isländisch oder der bandeigenen Fantasiesprache "Hopelandic" verfassten Lieder bedienen, könnte man sich im Internet zwar erklären lassen. Davon sei aber abgeraten. Immerhin gehört es mit zum Vortrefflichsten an dieser Band, dass sie der Popkultur das Rätselhafte, das Fantastische zurückgab. Sigur Rós, das ist letztlich auch, was der Hörer darin vermutet.

Mit Streichquartett und einer fünfköpfigen, in sektiererisches Weiß gehüllten Bläsergruppe wurde ohnehin kein Hehl daraus gemacht, welche Gefühlswelt man jeweils durchschritt. Zur an diesem Abend vorherrschenden Grundstimmung aus Melancholie und Weltschmerz gesellten sich auf einer plötzlich im närrischen Knallbunt erstrahlenden Bühne mit den spin-nerten Gruppengesängen von "Gobbledigook" im Confettiregen auch noch Ausgelassenheit, Freude und Euphorie: Alles war dabei, an diesem großen, großen Abend.

(Wiener Zeitung, 10.7.2008)

Sonntag, Juli 06, 2008

Subtil klingt anders

Als Lou Reeds Konzeptalbum „Berlin“ 1973 erschien, waren Kritik und Publikum nicht begeistert. Zu depressiv, zu düster, zu verstörend gestalteten sich die darauf gebotenen Lieder über verhängnisvolle Liebe, Gewalt, Drogenmissbrauch und Selbstmord als schattseitige Kunde einer Gesellschaft ohne Hoffnung.

Ein harter Schlag für Reed, der als Gründungsmitglied der verdienten, von Andy Warhol geförderten und bis heute höchst einflussreichen, ja, Artrock-Band The Velvet Underground Rockgeschichte geschrieben, und auch als Solokünstler mit „Walk On The Wild Side“ 1972 bereits einen ersten Welthit verbucht hatte.

Erst viel später wurde die Klasse des semi-symphonischen Songzyklus erkannt. Vor zwei Jahren schließlich beschloss Reed, das Werk gemeinsam mit einem Mädchenchor, Orchester und Band vor einem Bühnenbild des US-amerikanischen Malers und Regisseurs Julian Schnabel und mit zugespielten Videoclips als groß angelegtes Spektakel in voller Länge live wiederaufzuführen. Um sich somit verspätet, aber nachhaltig jene Anerkennung abzuholen, die ihm schon vor mehr als dreißig Jahren hätte beschieden sein sollen.

Die von teils jubilierenden Berichten mit Vorschusslorbeeren bedachte Aufführung erwies sich am Freitag im nur mäßig gefüllten Gasometer aber als durchwachsen. Zwar wurde mit Unterstützung einer Abordnung des London Metropolitan Orchestra und einer sichtlich in Spiellaune befindlichen Band auf hohem Niveau musiziert.

Weit ausufernde, tatsächlich gut zum Jazz Fest Wien passende Instrumentalpassagen inklusive übermotivierter Gitarren- und Basssoli waren hier aber vor allem der eigenen Virtuosität geschuldet. Und nicht der ursprünglichen, häufig beklemmenden Atmosphäre von „Berlin“, die dadurch in Grund und Boden gestampft, schlichtweg zerstört, oder erst gar nicht zugelassen wurde. Man muss von einer Rockoper sprechen und dieser vor allem eines vorwerfen: Mangelnde Subtilität.

Intensiver wurde es erst bei „Caroline Says II“ und dem kurz darauf gegebenen „The Bed“ – einem raren und kurzen Höhepunkt an tatsächlicher Dramatik. Allerdings lag auch das weniger an der Darbietung als an der Drastik des Themas. Immerhin wurde der Selbstmord einer Frau geschildert, deren Freund Reed als Erzähler intonierte, um das Geschehene im trockenen Sprechgesang so zu kommentieren:„But funny thing/ I'm not at all sad/ that it stopped this way“.

Nach einer souligen Version von „Satellite Of Love“, einem mit reichlich Bläsereinsatz gegebenem „Rock 'n' Roll“ und dem von greinenden Streichern umgarnten „Power Of The Heart“ im Zugabenblock endete der Abend mit viel Applaus eines nichtsdestotrotz begeisterten Auditoriums.

(Wiener Zeitung, 8.7.2008)

Freitag, Juli 04, 2008

Im Weinberg des Herrn

Jazz Fest Wien: Sinéad O’Connor gefiel mit einer innigen Werkschau

Den Anfang macht Helen Schneider. Die 55-jährige US-Amerikanerin, deren Karriere nicht zuletzt aufgrund einer gemeinsamen Tournee mit Udo Lindenberg in den 80er Jahren vor allem in Deutschland verlief, spielt sich im gediegenen Ambiente der Wiener Staatsoper zwar durch ein recht unspektakuläres Set.

Wir hören mit smooth-gejazztem Barhockersoul und angenehmem Humpel-Blues auffahrende Coverversionen etwa von Bob Dylans, hier mit schluchzender Slide-Gitarre gegebenem "Just Like A Woman" und "Born In Time", Leonard Cohens "By The Rivers Dark" oder "Love For Sale" aus der Feder von Cole Porter wie auch eine latent durchgeknallte Adaption des Märchens Schneewittchen der Marke "Jazzmesse trifft Experiment trifft Jimi Hendrix im Drogendelirium", also starken Tobak. Dem Publikum aber gefällt es – was auch deshalb überrascht, weil große Teile desselben heute ausschließlich wegen der eigentlichen Hauptattraktion dieses, im Rahmen des Jazz Fest Wien ausgetragenen Abends gekommen sind: Sinéad O’Connor.

Immerhin war die gebürtige Irin einmal so etwas wie ein Pop-Superstar. Spätestens seit ihrer Coverversion des auf Prince beziehungsweise The Family zurückgehenden Tränendrückers "No thing Compares 2 U", die auf keiner anständigen 90er-Jahre-Gedenkparty fehlen darf, ist der mittlerweile 41-Jährigen in den Annalen der Popgeschichte ein Fixplatz beschieden. Dass dieser aber tatsächlich historisch ist, untermauerte die Songwriterin 2007 in einem Interview mit der Berliner "taz". Zitat: "Ich gehöre nicht ins Popbusiness."

Zeit einer auch von Skandalen geprägten Karriere, die ihren Tiefpunkt erreichte, nachdem O’Connor ein Foto von Papst Johannes Paul II. in der NBC-Sendung "Saturday Night Live" zerrissen hatte, entfernte sich die Sängerin nämlich zunehmend von einer – zumindest im Mainstream – auf Affirmation und Gleichförmigkeit bedachten Branche, indem sie ihre ursprünglich im unauffälligen Pop-Rock-Korsett gehaltenen Songs in spirituell aufgeladene Bahnen lenkte, im jamaikanischen Reggae-Epizentrum Kingston eine Roots-Reggae-Platte aufnahm, sich an traditionellen, irischen Folksongs abarbeitete und im Vorjahr schließlich mit einer fernab jedweder Pop-Konvention funktionierenden Arbeit wiederkehrte, auf der sie zur guten alten Wanderklampfe eine tiefe Religiosität beschwor. Und sich als einfache Sängerin im
Weinberg des Herrn präsentierte.

Aus diesem, programmatisch "Theology" betitelten Album schöpft die 1999 zur Priesterin der Palmarianisch-katholischen-Kirche Geweihte, barfuß und kahlköpfig nun auch bei einem ihrer raren Auftritte. Erkältet und deshalb mit einer - nicht unangenehm – leicht kratzbürstigen Stimme ausgestattet, wird es gleich eingangs mit den Eigenkompositionen "Something Beautiful" und "If You Had A Vineyard" innig.

O’Connor bleibt an der zart angeschlagenen E-Gitarre und Steve Cooney an der akustischen, während Kieran Kiely abwechselnd verhaltene Keyboardstreicher und Klavier auftupft oder am Akkordeon zuarbeitet. Auf musikalischer Ebene zeitigt das also so nicht erwartete, ja, berührende Ergebnisse. Allein der Agnostiker in uns ist verwirrt: Weinberg? Lord? Juda? Maria, hilf!

Wenig später stehen in einer Art Greatest-Hits-Strecke aber ohnehin wieder weltlichere Themen auf dem Programm. Trauriges wie "I Am Stretched On Your Grave" oder "The Last Day Of Our Acquaintance" trifft dabei auf Hoffnungsfrohes wie "Never Get Old" oder Zorniges wie das 1990 gegen die Missstände im Vereinten Königreich gerichtete "Black Boys On Mopeds". In der auch hier weitergeführten, spartanischen Instrumentierung erstrahlen die alten Hadern in neuem Glanz und beweisen damit eines: Dass weniger tatsächlich mehr sein kann.

Nach heftig bejubelten Versionen von "Nothing Compares 2 U" und "Thank You For Hearing Me" setzt es noch "33" und "Rivers Of Babylon" als Zugaben. Standing Ovations.

(Wiener Zeitung, 5./6./7.7.2008)

MGMT: Oracular Spectacular

Die "Spex", das Berliner Magazin für Popkultur, spricht bezüglich des aktuell schwer abgefeierten New Yorker Duos MGMT vom "schönsten Musikindustrie-Unfall dieses Frühjahrs". Gemeint ist, dass Andrew Van Wyngarden und Ben Goldwasser ihre Ambitionen auf eine Popstarkarriere bereits ad acta gelegt hatten, ehe sie auf Umwegen doch noch einen Plattenvertrag erhielten: Freu! Immerhin muss alleine das als Single ausgekoppelte "Time To Pretend" schon jetzt als ein Song des Jahres bezeichnet werden. Darauf vereint sich eine Kinderliedmelodie mit treibenden Synthiebässen und knackigen Drums zu einer euphorischen Hymne, der man den Einfluss des brillanten Flaming-Lips-Produzenten Dave Fridmann anhört. In einer ähnlichen Liga spielt der Soul-Pop von "Electric Feel", tanzbaren Synthie-Pop mit Ausflügen in Richtung Elektro und Techno bietet "Kids". Die zweite Hälfte des Albums mag mit elektronischen Experimenten und Neuzeit-Folk der psychedelischen Sorte etwas abfallen, dennoch: Eine gute, eine sehr gute Sache!

(Wiener Zeitung )